Viel laue Luft um Wein
Kenner verlangen Könner
Fast alle Neigungen, die Menschen haben, führen fast nie zur eigenen Kennerschaft. Die wenigsten, die gerne einen Musikstil hören, werden ansatzweise ein Stück nachspielen können, die Ski durchs Gelände laufen lassen oder Photos machen wie die Großen des Metiers.Es macht trotzdem Freude, es zu tun. Und so möchte man etwa ein Instrument kaufen, ein Paar Ski oder eine Kamera.
Oder den eigenen Weinkeller mit «gutem» Wein befüllen, für Gäste.
Unter Kennern zählen die Könner. Leute, die etwas verstehen vom Metier. Markenbotschafter nennt man solche Leute in den Chefetagen der Erzeuger, was nicht so schön klingt wie Weltmeister oder der Name einer Jazzgröße.
Durchaus authentisch werden Produkte als hervorragend beworben, deren Potential kaum ein Käufer zu entfalten vermag. Es ist ja nichts falsch daran, wenn Profis sagen, was ihnen an diesem oder jenem Produkt besonders gefällt.
Profis.
Weinkenner
Es gibt objektive Größen, die einen Wein beschreiben, jedoch wenige. Der überwiegende Bereich der Aromen wird von Menschen aufgenommen und die haben von Natur aus unterschiedliche Wahrnehmungen.Das ist unbefriedigend, wenn man eine Anweisung möchte, welcher Wein gut ist. Oder Gästen klarmachen, dass der Wein gut ist, der ihnen präsentiert wird. Oder man selbst ein toller Typ ist.
Die Gehhilfen sind Bewertungen, Berühmtheiten, blümerante Sprache, «Parker Punkte» oder Erwähnungen in Magazinen. Die Vielfalt der Weine aus der Provence, die vielen Village Appellationen und herrlichen Rosé der Region - verwirrend für die, die sich nicht eingelesen haben, also für die allermeisten.
Wenn Sting oder Brad Pitt sich ein Weingut kaufen, Bryan Adams die Photos macht: who cares about the wine?
Es müssen auch nicht immer Berühmtheiten sein oder das Streben nur von den besten kaufen zu wollen: Wer sich ein wenig orientieren möchte, schaut im Internet, kauft vielleicht ein Weinbuch oder -zeitschrift und landet schlicht bei denen, die ein besseres google ranking haben oder die besseren Kontakte zu Journalisten.
Es sind die Aromen, Dummkopf
Es ist 1991, die Landung der Truppen im Irak brachte dem amerikanischen Präsidenten ungeahnte Zustimmung. 1992 ist Wahlkampf und der junge Bill Clinton möchte G.W. Bush ablösen, ein aussichtsloses Unterfangen im Angesicht der Zustimmung. Sein Berater ist Jim Carville, von dem eine berühmte, meist falsch zitierte Losung stammt: «the economy, stupid».Der Zusatz «Dummkopf» sollte die Leute davon abhalten, dem falschen Thema (Krieg) nachzulaufen. Es war Wirtschaftskrise und die zählte.
Beim Wein sind es keine Punkte, Schauspieler oder großen Namen, die in den Raum geworfen werden. Es sind Aromen, die zählen.
Sie machen die Freude am Wein aus, dem Zusammenspiel mit dem Essen zu diesem Wein.
So wenig wie mit einem Profi-Sportgerät oder Instrument das jahrelange Üben von Könnern ersetzt werden kann, schmeckt man anders, nur weil man «Punkte» trinkt. Die Aromen nimmt jeder Mensch selbst auf, hat Erfahrungen mit Düften und Empfindungen, die die Wahrnehmung stark beeinflussen.
Ob ein Wein aus Bordeaux oder dem Languedoc besser gefällt, zeigt nur der Wein im Glas und die eigene Nase daran.