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Piwi Rebsorten

kleines Winzer Bild
Neue PiWi Reben auf der Domaine le Passelys im Cahors. Der Einstieg in die PiWi Welt erfordert Mut von Winzern und einen Neuanfang.

Piwi ist die Abkürzung für PilzWiderstandsfähig. Es sind Reben, die deutlich weniger anfällig für den Befall mit Schädlingen und Pilzkrankheiten sind, als herkömmliche Reben.

Dass auch international die deutsche Abkürzung verwendet wird, liegt an dem steinigen Weg, den PiWi Weine zurück legen mussten, um in die Gläser von Konsumenten zu kommen. Es gibt Vorbehalte und Widerstände gegen Piwi Weine. Auch die Entwicklung von ersten Forschungen um 1900 bis zu PiWi - Gewinner - Weinen auf Verkostungen hat rund 150 Jahre gedauert.

Kennen Sie vielleicht uralte französische Filme mit den schnittigen länglichen Autos, die so chick aussahen, wenn Alain Delon mit Fluppe im Mundwinkel ausstieg? Die Kisten waren französischer High-Tech! Das Licht leuchtete auf dunklen Passtrassen schon um die Kurve, bevor das Auto überhaupt da war. Die Federung war mit Luft, ohne Motor lag das Ding auf der Strasse wie ein gestrandeter Wal. Und erhob sich, war der Motor erst angelassen, wie ein Kamel in der Wüste.

Das Auto mit seiner Technik verschwand in der Mottenkiste wie das französische Minitel, mit dem man Restaurants buchen, Züge heraussuchen und Aktienkurse sekundenaktuell lesen konnte, als in Deutschland noch mit Drehscheiben Telefoniert wurde und das Internet etwas aus Raumschiff Enterprise war.

Als ab 1845 die Reblaus praktisch alle Weinberge in Europa zerstörte, haben französische Züchter Rebsorten aus amerikanischen und asiatischen Rebsorten entwickelt, die gegen Pilzkrankheiten und Schädlinge resistent waren. Es gab eine starke Bewegung, diese Sorten zu entwickeln. Züchter arbeiteten zusammen, es gab Zeitschriften über die Erforschung dieser Sorten und bis ins Jahr 1958 standen unfassbare 400.000 Hektar Reben mit PiWi Reben, die widerstandsfähig gegen Pilze und Schädlinge waren.

Ein Film, der im Jahr 1955 spielt, hätte gut folgende Szene haben können: an einem frostigen Morgen parkt ein schneidiger Alain Delon Typ seinen schnittigen DS vor dem Pariser Ministerium für Landwirtschaft. Er war Direktor für Pflanzenschutzmittel bei einem der staatsnahen Konzerne und besuchte den Minister, seinen Kumpel aus den Elite - Internat Zeiten. Und kam schnell auf den Punkt: «eh, hast Du Dir schon gesehen, wie viele Winzer diese neuen Sorten anbauen? Wenn das so weiter geht, schließen wir das Werk in Lyon».

Ab 1955 wurde der Verkauf von neu gezüchteten PiWi Sorten verboten, die Forschung und Zucht schlagartig beendet. Verordnungen schränkten die Zahl der PiWi Sorten drastisch ein, Winzer wurden zur Rodung gedrängt, der zulässige Ertrag beschränkt und der Minister reich beschenkt.

In den ersten Weinbergen in Georgien, Syrien und dem Iran standen wuchernde Reben verschiedener Sorten in glühend heißer Landschaft. Die Pflanzen waren froh um jeden Tropfen Regen, sie standen zwischen anderem Bewuchs gesund und abwechslungsreich. In einem solchen Umfeld gedeihen Reben natürlich.

Der wirtschaftliche Aufstieg Europas und später Amerikas brachte Weinberge mit Monokulturen hervor, die oft in Regionen mit viel Niederschlag stand. Schädlinge waren und sind eine große Herausforderung für den Weinbau. Zwar können biologische Winzer mit vielen Maßnahmen wieder für ein gesundes Umfeld sorgen - zu allererst wieder die Begrünung der Weinberge, die erst einen gesunden Boden hervorbringt. Ausreichend Nährstoffe in den Boden bringt, Nützlingen Lebensraum gibt.

In nassen Jahren bleibt aber insbesondere Mehltau eine große Gefahr, der mit biologischen Mitteln nur schwer und mit großem Aufwand zu begegnen ist.

 
Während die französischen Winzer das Handtuch werfen mussten, wurden in Deutschland - insbesondere in Freiburg - viele PiWi Sorten neu gezüchtet. Eines der Hindernisse war der Geschmack der PiWi Weine - es waren fast Herausforderungen für die frühen Gaumen, denen diese Weine vorgesetzt wurden.

Die neuen Sorten haben diesen Nachteil nach vielen Jahren der Züchtung überwunden - heute gewinnen eben PiWi Sorten auch Vergleichsverkostungen mit konventionellen Weinen.

Da die Reben in Deutschland entwickelt wurden, konnten die Forscher zunächst etliche deutsche Winzer für den Anbau gewinnen. Winzer und Händler waren deutlich zurückhaltender - aber eine Gruppe ist immer der größte Bremser: die Kunden. Was anders, neu ist, vielleicht auch nicht perfekt bleibt im Regal liegen wie die Bio - Bananen.
Ende 2017 wurden dann wieder PiWi Rebsorten in Frankreich zugelassen.

Acht weiße: Cabernet Blanc, Bronner, Johanniter, Muscaris, Saphira, Solaris, Soreli und Souvignier Gris. Und vier rote Rebsorten: Monarch, Cabernet Cortis, Pinotin und Prior.

Ein zögerlicher Beginn, aber immerhin und einige Winzer haben auch in Frankreich wieder begonnen, PiWi Weine zu erzeugen. Auch wenn der Ursprung der Entwicklung in Frankreich begann, hat der deutsche Name auch für französische Winzer durchaus seine Berechtigung.

In den frühen Jahren des letzten Jahrhunderts konnte den ersten PiWi Weinen ein Mangel nicht weggezüchtet werden: eine komische Note im Geschmack. Die Sorten, die in Freiburg gezüchtet wurden, haben mit den frühen Sorten der 40er, 50er Jahre des letzten Jahrhunderts geschmacklich wirklich nichts mehr gemein. Insofern ist dieser neue Versuch sehr positiv zu sehen.

Einige dieser neuen Weine sind im weinraum vertreten. Die Entwicklung geht generell hin zu biologisch erzeugten Weinen - zumindest in familiär geführten Betrieben versteht man darunter mehr als nur ein «bio» Stempelchen auf dem Etikett. Der Anbau von PiWi Sorten ist da nur die konsequente Weiterentwicklung des biologischen Anbaus.