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WEINRAUM Wein aus gutem Grund
Das Weinjournal

Aus himmlisch wird astronomisch

Die Preise der Weine aus dem Burgund

Die Preise der Weine aus dem Burgund sind oft irreal.
Die Preise der Weine aus dem Burgund sind oft irreal.
Weinbau gab es im Burgund schon zur Zeiten der Kelten, rund 600 Jahre vor Christus. Die Weine waren schon lange bekannt, bevor Mönche sich an einen schon industriell betriebenen Weinbau machten. Mit en Mönchen jedoch begann der Reichtum im Burgund.

Die Mönche verwandelten Sumpf in Weinberge und Weinberge große Klosteranlagen, die noch einmal weitaus mehr Reichtum erschufen. Schon im 14. Jahrhundert galt der Wein von Beaune am Papsthof in Avignon als der beste, den man bekommen konnte. Das war kein Zufall. Die Herzöge von Burgund (Valois-Linie, 14./15. Jh.) betrieben aktiven Protektionismus: Sie verboten den Import und Export nicht-burgundischer Weine und drängten damit die Rhône-Weine vom nordeuropäischen Markt. Philip der Kühne verbot 1395 den Gamay und erlaubte nur Pinot Noir – das erste dokumentierte Qualitätsdekret einer Weinregion.

Der Wein blieb eingesperrt.
Bordeaux hatte seit der Hochzeit Eleanors von Aquitanien mit Henry Plantagenet 1152 einen direkten Seeweg nach England. Sie war eine der Frauen, die die Weinwelt in Europa prägten. Jahrhunderte später war es Julia Vittorina Colbert de Maulevrierdas, die den Barolo trocken ausbauen lies statt süß.

Die Gironde-Mündung war ein Tor: zweimal jährlich segelten Flotten von bis zu 200 Schiffen, beladen mit dem, was die Engländer claret nannten, in beide Richtungen. Exportzölle für englische Kaufleute abgeschafft, ein Handelsmonopol (police des vins) errichtet, das jede Konkurrenz aus dem Hinterland blockierte. 300 Jahre lang war Bordeaux englisches Territorium und sein Wein ein Massenprodukt.

Burgund hatte nichts davon. Kein Meer, kein schiffbarer Fluss, der an ein Meer führte. Wein reiste im Mittelalter in Fässern, und Fässer reisten auf Wasser. Der einzige Weg aus der Côte d'Or war die Saône südwärts nach Avignon (über die Rhône) oder – für die Region Auxerre/Chablis – die Yonne nordwärts über die Seine nach Paris. Die Weine, die man im Mittelalter als vin de Bourgogne kannte, waren deshalb die Weine von Auxerre, nicht die der Côte d'Or. Die Weine der Côte d'Or hießen vin de Beaune und blieben ein Hofprodukt: Päpste, Könige, Herzöge.

Das änderte sich ab dem 17. Jahrhundert, aber langsam und auf ganz andere Weise als in Bordeaux. 1693 verschrieb Fagon, der Leibarzt Ludwigs XIV., dem König «alten Burgunder» als Heilmittel. Die Verordnung wirkte – und danach trank der gesamte Hof Burgunder statt Champagner (der damals noch still war, kein Schaumwein). 1720 gründete Edme Champy in Beaune das erste Négociant-Haus: Er kaufte Weine von den zersplitterten Kleinerzeugern, reifte sie im eigenen Keller und verkaufte sie unter seinem Namen. Ein Geschäftsmodell aus der Not heraus – wer nur zwei Rebzeilen besaß, konnte nicht vermarkten.

Hefe, Glas und Eisenbahn


1728 erschien in London (!), nicht in Paris, nicht in Beaune, das erste Buch über die Weine des Burgund: Dissertation sur la situation de Bourgogne von Abbé Claude Arnoux. Es klassifizierte bereits die besten Lagen nach Herkunft und Terroir. England war also durchaus interessiert – aber der Wein kam nur in winzigen Mengen an, und er hatte ein Problem. Louis Pasteur identifizierte es erst in den 1860er Jahren: das Bakterium Acetobacter verwandelte Burgunder auf langen Reisen in Essig. Bis zum Eisenbahnbau und Pasteurs Entdeckung war zuverlässiger Fernhandel mit Burgunder praktisch unmöglich.

Dann, Mitte des 18. Jahrhunderts, die Glasflasche. Plötzlich konnte Wein reifen. Ältere Weine wurden wertvoller als junge. Das gab Burgund einen neuen Hebel: weniger produzieren, länger lagern, teurer verkaufen. 1760 kaufte der Prince de Conti die Lage La Romanée in einem Bieterwettstreit gegen Madame de Pompadour – und nahm sämtliche Flaschen vom Markt. Nicht eine einzige verkauft. Der erste Sammler, der Wein als reines Statussymbol hortete.

Die Revolution (1789) beschlagnahmte den Kirchenbesitz und versteigerte ihn als biens nationaux. Die meisten Weinberge gingen an reiche Kaufleute, weniger als 20% an Bauern, und diese in schlechteren Lagen. Der Code Napoléon (ab 1804) zerlegte alles weiter: gleichmäßige Aufteilung unter allen Erben, mit jeder Generation kleinere Parzellen.

Ab 1875 die Reblaus, die über zehn Jahre den Weinbau verwüstete. Romanée-Conti hielt am längsten durch – man wollte die alten Stöcke nicht aufgeben, trotz sinkender Erträge.

1936 wurden die Grand-Cru-Lagen durch die AOC-Gesetzgebung formalisiert – auf Basis von Klassifikationen, die bis 1861 zurückreichen. 2% der Produktion Grand Cru, 12% Premier Cru, der Rest Village und Régionale.

«Investoren» bestimmen den Markt


Und dann, ab 2006, die Explosion: die Preise der Weine lösen sich völlig von ihrem Wert als das, was sie sind: landwirtschaftliche Erzeugnisse.

Der Burgundy 150 Index verdoppelte sich. Ab 2012 kippte der überteuerte Bordeaux-Markt (die Jahrgänge 2009 und 2010 waren massiv überbewertet), und Investoren entdeckten die Knappheit Burgunds als perfekte Anlage. Innerhalb eines Jahrzehnts verschob sich der Marktanteil von 4% auf 24% (Bordeaux fiel von 96% auf 35%). Im Oktober 2022 erreichte der Burgundy 150 Index das Allzeithoch: 909 Punkte, +160% in zehn Jahren.

Die Bodenpreise: 2024 überstieg der Durchschnitt der Côte d'Or erstmals eine Million Euro pro Hektar. Grand-Cru-Lagen werden inoffiziell für bis zu 30 Millionen Euro pro Hektar gehandelt. Zum Vergleich: ein Hektar Bordeaux kostet 112.500 Euro, ein Hektar Languedoc 14.300 Euro. Familienbetriebe in Burgund können ihre eigenen Weinberge nicht mehr vererben – die Erbschaftssteuer übersteigt das, was man mit Weinverkauf verdient. Also verkaufen die Erben Parzellen: an LVMH, an François Pinault, an Alibaba-Mitgründer Joe Tsai.

Demokratisierung als Preistreiber


Was seit Napoleon als Demokratisierung des Grundbesitzes gedacht war, kehrt sich um. Die kleinen Besitze, zumindest in den besseren Lagen, können wegen der Erbteilung nicht in den Familien gehalten werden und «wandern» nach oben. Doch auch die weniger attraktiven Flächen in Villagelagen werden entweder immer weiter geteilt oder von Geschwistern gemeinsam betrieben, weil die Auszahlung des Nicht-Erben sonst den Betrieb fressen würde.
Als Folge der Bodenpreise und der Erbteilung ist die Erzeugung «einfacher» Burgunder keine Option: die Böden erlauben fast immer, ausdrucksvolle, hochwertige Weine zu erzeugen, und der Bedarf ist da. Bei Kunden und Erzeugern. Die Weine auch kleiner Erzeuger und Weine aus Village Lagen sind so gut, dass Kunden gerne 30-50€ zahlen. Und mit einem 9€ Burgunder könnte kein Betrieb überleben.

Was hat er, was ich nicht habe???


Das napoleonische Gesetz gilt in ganz Frankreich, aber in anderen Regionen war die Entwicklung eine andere. Die Weinberge im Burgund gehörten der Kirche. Nach der Revolution wurden diese Flächen verkauft, auch und gerne an «einfache» Familien, die sich ein Stück Land wünschten, um selbständig Trauben anbauen zu können, vielleicht sogar Wein zu erzeugen. Die Erbteilung traf im Burgund daher ohnehin kaum lebensfähige Kleinerzeuger.
Waren deren Flächen erst einmal bei den großen Weingütern gelandet, änderte sich das Spiel: Eine Finanzgesellschaft als Weingut wird nicht vererbt und nichts wird geteilt.

Im Süden war das Land viel weniger wert, man konnte weitaus eher Weinberge vererben und in einem sinnvollen Zeitraum die Steuer zahlen. Im Languedoc wurden in den 1960er Jahren viele der kleinen Flächen zusammengelegt, Weinberge gerodet ... das System neu aufgestellt.

Der Unterschied zum Bordelais


Das Bordelais war Jahrhunderte lang die Region, wo mit Wein extrem viel Geld verdient wurde. Und doch ist der mit Abstand größte Teil der Produktion «demokratisch» - man kauft für 9 - 20€ hervorragenden Wein, im Supermarkt für etwas mehr als den Preis der Glasflasche, aber der schmeckt dann auch so.

Was ist im Bordelais anders als im Burgund?
Pauillac war bis ins 17. Jahrhundert Sumpf. Die Holländer haben ihn trockengelegt. Was danach entstand, war von Anfang an Besitz an Firmenanteilen. Es gab dort kein Land, das infolge eines Erbes hätte fragmentiert werden können. Latour gehörte den Ségurs, dann Allied Lyons, dann Pinault. Lafite den Ségurs, dann den Vanlerberghes, dann den Rothschilds. Mouton den Branes, dann Rothschild. Die La Place de Bordeaux wurde im 17. Jahrhundert genau dafür erfunden: damit die Besitzer ihren Wein zum höchsten Preis verkaufen konnten. Die Courtiers vermittelten, die Négociants vertrieben.

Die Négociants und die kleinen Winzer


Bis in die 1960er/70er wurde Bordeaux überwiegend in Fässern an Négociants verkauft, nicht abgefüllt am Château. Die Négociants haben den Wein verschnitten, gelagert, abgefüllt und ihren eigenen Namen größer auf das Etikett gedruckt als den des Châteaux. Es gibt historische Etiketten: «C. Lehmann & Co, Cos d'Estournel» — der Händler zuerst, das Weingut danach. Für die Erbteilung Gold wert: weil kein Grund vererbt wurde.

Für die tausenden kleinen Erzeuger im Bordelais — Entre-deux-Mers, Blaye, einfacher Bordeaux — hieß das: ihr Wein ging in den Cuvées eines Négociants auf. Ihr Land war wenig wert, weil der Wert im Namen des Händlers steckte, nicht im Weinberg.
Das ist das exakte Gegenteil von Burgund: Dort steckt der Wert im Namen der Lage — Chambertin, Musigny, Clos Vougeot. Der Bauer besitzt zwei Reihen mit einem berühmten Namen. Das Land ist Millionen wert, obwohl die Fläche winzig ist.

Daher kommen auch aus einer so berühmten Gegend Weine für einen Bruchteil der Preise der Burgunder. Mit weniger Geschichte, aber: hey!