Ehre sei Gott im Burgund
Die Klöster im Burgund
Benedikt von Nursia schrieb um 529 seine Regel (ora et labora) im Kloster Monte Cassino in Italien. Daraus entstand über Jahrhunderte das benediktinische Mönchtum. Im 9./10. Jahrhundert waren viele dieser Klöster unter die Kontrolle lokaler Feudalherren geraten. Manche Adlige gründeten Klöster mit dem Plan, sich dort zur Ruhe zu setzen. Die Benediktregel wurde angepasst: Fastenregeln aufgeweicht, wärmere Kleidung erlaubt, das Nachtgebet so verlegt, dass es den Schlaf nicht störte.
Die Gründung von Cluny 910
Wilhelm I. von Aquitanien stiftete ein Stück Land in Burgund – bei Mâcon, also im Süden Burgunds, weit von der Côte d'Or. Cluny sollte die Aufweichung der Klosterregeln korrigieren heilen – direkt dem Papst unterstellt, unabhängig von lokalen Adligen. Der Papst übertrug den Äbten von Cluny die Reform bestehender Klöster und die Gründung neuer Häuser. Eine straffe Zentralisierung, die es vorher im Benediktinertum nicht gab.
Wie auf dem Schulhof
Es passierte, was bei jedem Schülerausflug passiert: Die Regeln waren den Bewohnern von Cluny zu streng. Als erst Reichtum erschaffen war, entstanden Prachtbauten, aufgeweichte Fastenregeln, kein Handwerk mehr, keine harte Arbeit.
Es gab Mönche, die für dieses neue Leben nicht ins Kloster eingetreten waren, es folgten Neugründungen, um sich auf das einfache Leben zurück zu besinnen. 1098 schliesslich Cîteaux. Auch diese neu gegründeten Kloster wurde in wenigen Jahrzehnten sehr reich, sie installierten etwa vier unvorstellbar große Weinpressen, die heute noch besichtigt werden können. Das Gebäude mit den Pressen steht inmitten der Reben, die sie bereits mit einer Mauer umgeben hatten: der Clos de Vougeot - der abgeschlossene Weinberg in dem die Pressen stehen.
Wie wurden Mönche im Mittelalter mit Wein derart reich?
Wie konnten Mönche mit Weinbau monumentale Pressen bauen, imposante Klöster von Cluny und daraus aufbauend das neue Kloster Cîteaux - mit Wein?
Sie verwaltete, bildete aus, besaß Land. Klöster sicherten Territorien und bewirtschafteten sie. Adelsfamilien schickten Töchter, die sie nicht verheirateten und Söhne, die nicht erbten, ins Kloster.
Das war alles andere als eine Abschiebung. Wer eintrat, brachte eine Schenkung mit, oft Land. Und er brachte mit, was seine Familie ihm beigebracht hatte: Verhandeln, Netzwerke, den Umgang mit Macht, das Knüpfen und Halten von Kontakten. Denn das Land war nicht dazu gedacht, in Andacht zu beten, es war eine Investition. Besonders in dieser frühen Zeit, als der Glaube oft wechselte, viele Landstriche von niemandem besetzt waren. Wer hier Land bewirtschaftete, schuf die Grundlagen für späteren Reichtum. Heute würde man start up sagen.
Die größte Gabe: Geduld
Und diese Schenkungen hatten eine zunächst immaterielle Zugabe: Geduld. Niemand erwartete in ein, zwei Jahren Rendite. Vielleicht kam sie auch nie. Die Klöster waren auch die Orte, an denen Geld von den Ungeduldigen zu den Geduldigen überging.
Die erste Müdigkeit setzt sein
Cluny, das Mutterhaus der Benediktiner, war nach zwei Jahrhunderten reich geworden und zunehmend weltlich — Grundbesitz, Feudalrechte, Pilgerströme. Das Gebet war geblieben, die Arbeit nicht. Der Mönche Robert von Molesme ertrug diese Bequemlichkeit nicht mehr. Er hält die eigene Gemeinschaft für verfehlt. Er will zurück zum Ursprung der Benediktinerregel: beten und arbeiten, nichts weiter. Robert gründete 1075 Molesme als Gegenmodell. Als auch Molesme verweltlichte, verlässt Robert 1098 auch sein selbst gegründetes Kloster. 21 Mönche gehen mit ihm in eine sumpfige Landschaft bei Dijon. Heute würde man sagen: ein spin-off.
Und schon bricht jemand aus.
Robert hat das Ganze nicht aus dem Nichts gestartet. Er war ein erfahrener Abt aus Adelsgeschlecht, Sohn adliger Eltern mit jahrzehntelangen Kontakten. Er hat den Deal vorbereitet:
Raynald, Vicomte de Beaune «stiftet» ein sumpfiges, mit Schilf und Wald bewachsenes Stück Land südlich von Dijon. Kein Gebäude, kein Weinberg, kein Weg: das war keine milde Gabe, das war Kalkül und Robert wußte, wie er das Land bekam und was dafür erwartet wurde.
Eine weitere nette Geschichte ist die vom Herzog Odo I. von Burgund, der so berührt war vom heiligen Leben der Mönche, dass er alle Kosten des neuen Kloster übernahm.
Dazu kam die kirchliche Genehmigung vom Bischof von Chalon-sur-Saône und vom päpstlichen Legaten Hugo von Lyon. Das war kein Besinnung aufs Beten und Arbeiten, es war eine organisierte Gründung. Klingt nicht so schön, ist aber trotzdem beachtlich.
Ein Jahr später ruft der Papst Robert zurück nach Molesme. Die meisten Mönche gehen mit ihm. Was bleibt: eine Handvoll Leute auf nasser Erde, eine Idee und ein Sponsor, der nicht aufgibt. Alberic wird Abt und er wird der Baumeister. Er verlegt das Kloster ein Stück weiter, an einen Bach — weg vom schlimmsten Sumpf. Er verhandelt mit dem Herzog: einen bestehenden, produktiven Weinberg in Meursault und Steine für eine Kirche. Nach acht Jahren steht 1106 die Kirche; erbaut aus einem Lager mit Strohmatten im Morast. Die Mönche roden in folgenden Jahren weiter, entwässern, pflanzen.
Ab etwa 1120 bauten die Zisterzienser das System der Laienbrüder aus. Conversi — Männer ohne adlige Herkunft, die Gelübde ablegen, aber die körperliche Arbeit übernehmen. Weinberge, Vieh, Wirtschaftshöfe. Manche Klöster haben zweihundert, manche dreihundert davon. Die Mönche können sich auf das konzentrieren, was sie von allen anderen unterscheidet.
Und hier erst beginnt die Geschichte, die immer über das Burgund erzählt wird. Die Mönche beginnen, systematisch Weinbau zu betreiben. Nehmen Erde in den Mund; Sie schmecken Kalk, Ton, Feuchtigkeit. Sie dokumentieren, Parzelle für Parzelle, über Generationen. 1247 Climats. Es war nicht eine akademische Übung frommer Männer. Es war das Produkt einer Organisation, die aus einem Sumpf voller Wölfe aufgebaut wurde. Das waren keine verstossenen Söhne, es waren Männer mit einem Plan und Familien mit sehr viel Geld und der wichtigsten Zugabe: Geduld.
Die Mönche werden Baumeister
Die Zisterzienser legten Wert darauf, die besten Steinmetze zu rekrutieren, und bereits 1133 stellte Bernhard Arbeiter ein, um den Mönchen beim Errichten neuer Gebäude in Clairvaux zu helfen. Es gab Baumeister innerhalb des Ordens, die von Kloster zu Kloster geschickt wurden, um solch große Bauten zu leiten. Der Bau neuen neuen Abteikirche von Cîteaux nahm über 50 Jahre in Anspruch. Alles Stein, selbst die Scheunen.
All diese Bauten, die Macht und das Aufstreben gelang mit großer Präzision, doch die Basis für den wirtschaftlichen Erfolg dieser Bauten war der Wein. Der Wein des Burgund, erzeugt auf exakt bekannten Parzellen, den passenden Reben darauf und dem Wissen um die beste Verarbeitung.
1790, im Zuge der Französischen Revolution, wurde die Abtei beschlagnahmt und als Nationalgut verkauft; was übrig blieb, wurde von der lokalen Bevölkerung geplündert. Die 600 Jahre alte Kirchenanlage wurde komplett zerstört. Nur ein Teil eines gotischen Kreuzgangs und einige Gebäude aus dem 18. Jahrhundert sind von Cîteaux' großer Vergangenheit erhalten geblieben.
Zyniker bauen keine Kathedralen. Doch das Wissen um die Weinberge, die Reben des Burgund und ihre Verarbeitung konnte auch die Revolution nicht zerstören.