Wein aus dem Burgund. Wie Radfahren, nur mit der Nase.
Die Kunst der Nuance
Als Freund der Weine aus dem Burgund steht man gerne etwas abseits. Man staubt die Flasche aus dem Keller ab, der lange Korken wird vorsichtig gezogen, in einem feinen Rinnsal fließt der Wein in die großen Gläser.
Die einen schwenken, erkunden den ersten Duft, der aus dem Glas strömt. Während andere beherzt trinken: «Ich muss den schmecken!» , ertönt es bestimmt, und ein enttäuschter Blick trifft den Mann oder die Frau mit dem Korkenzieher: Was ist denn das für dünnes Zeug? Die ersten nicken verstört.
Die Blicke derer, die noch nicht einmal genippt haben, treffen sich. Sie werden noch eine Weile brauchen, bis sie von dem Wein kosten.
So oder ähnlich sind Reaktionen auf das Öffnen eines Burgunders. Unabhängig davon, ob es ein weißer Chardonnay oder ein roter Pinot Noir ist.
Jeder Côte du Rhône für 9 Euro hat mehr power. Was kostet der? 45€? Spinnst du?
Was Burgunder mit Radfahren zu tun hat
Hier scheiden sich die Geschmäcker - nur anders, als man vermuten könnte. Geschmack lernt man. Wie Skifahren. Oder Radfahren. Man lernt es – oder eben nicht. Oder später. Wenn man will.
Die kräftigen Aromen eines Weines von der Rhône sind für nahezu jeden leicht zu erspüren. Burgunder hingegen wirken für viele schlicht dünn.
Das liegt nicht daran, dass weniger Aroma im Wein wäre. Sondern daran, wie wir es wahrnehmen. Beim Wein übermittelt die Zunge nur einen kleinen Teil: Säure, Süße, Bitterkeit.
Die eigentlichen Aromen nimmt die Nase auf. Und die ist oft ungeübt, unbeholfen wie bei den ersten Metern auf dem Rad.
Statt vom Rad fällt man beim Burgunder mit den ersten Eindrücken manchmal auf die Nase.
Man kann nach den ersten unbeholfenen Metern aufhören – oder den Dreck vom Knie wischen und die Chance nutzen. Nach und nach öffnet sich eine Welt von Aromen, die im ersten Schluck fehlt.
Das Burgund ist winzig und die Flächen, die Winzer in einer Lage bearbeiten, würde man an der Rhône nicht einmal bestocken. Man könnte hier einen Wein für 9€ anbauen: mehr Ertrag, weniger Arbeit im Weinberg, mehr Saft aus den Beeren.
Die Böden des Burgund sind weltweit einzigartig gut für diese Rebsorten, es entstehen großartige Weine, wenn man sich Mühe gibt … und es gibt viele, die genau solche Weine suchen. Nicht die Grand Crus für 450 Euro die Flasche, sondern die ausdrucksvollen für 45. Diese Preise! Warum Burgunder teurer ist als andere Weine - und die Ursache liegt anders, als man vermuten würde<
Wer sich darauf einlässt, trinkt danach jeden Wein anders — auch den für 9€.
Woher kommen die Aromen dieser Weine, warum sind die so teuer und warum sind sie im Burgund entstanden und nicht woanders? Abseits von drögen Fakten gibt es hierzu eine ganze Reihe von interessanten Hintergründen. Etwa als sich Amerika und Europa entfremdeten - Das Burgund und die Champagne entstehen. Den Weinbau haben die Mönche im Burgund erst zu seiner Blüte gebracht. Was meist bekannt ist, wenn auch nicht, dass die Mönche längst nicht so arm und darbungsvoll lebten, wie es meist dargestllt wird. Und es waren nicht die ersten, die im Burgund Reben angebaut haben.
Napoleon hat das Vererben in Familien gerecht regeln wollen und seine Erbteilung gilt noch heute in Frankreich. Wer Grund erbt, muss seine Geschwister auszahlen. Im Burgund hat das wegen der hohen Bodenpreise dazu geführt, dass es sehr viele sehr kleine Weingüter gibt. Das ist interessant, jedoch auch ein spezifisches Problem im Burgund: selbst kleine Climats werden oft von mehreren Winzern bearbeitet. Es gibt nicht den Wein von einer Lage, es gibt viele davon.
Spannend bleibt es immer mit den Weinen aus dem Burgund, auch wenn man sich schon sehr lange damit beschäftigt hat.