Die napoleonische Erbteilung
Warum so viele Winzer im Burgund so kleine Flächen besitzen
Die Erbteilung
Am 2. November 1789 erklärte die Nationalversammlung sämtlichen Kirchenbesitz zum Eigentum der Nation. 568 Stimmen gegen 346. In Burgund änderte dieser Beschluss alles.
Die Klöster hatten über Jahrhunderte die Weinberge der Côte d'Or aufgebaut. Was die Zisterzienser in Cîteaux über Generationen dokumentiert, parzelliert und verfeinert hatten, gehörte nun dem Staat. Clos de Vougeot, ein einziger Weinberg unter einem einzigen Besitzer seit dem 12. Jahrhundert, wurde Nationalgut.
Ab 1790 versteigerte der Staat die konfiszierten Güter — die biens nationaux. In Meursault kamen am 23. Februar 1791 Weinberge unter den Hammer, die der Abtei Cîteaux, den Benediktinern von Mézières, der Kathedrale von Autun und den Kanonikern von Beaune gehört hatten. Fünfzehn Lose, darunter zehn Weinberge mit zusammen rund 24 Hektar, verteilt auf Lagen wie Bergerie und Magny. Käufer waren überwiegend bürgerliche Unternehmer. Im Distrikt Dijon zahlten sie durchschnittlich 65 Prozent über dem Schätzwert. Das Kirchenland war begehrt.
Wer kaufte, kaufte zum ersten Mal eigenes Land. Jahrhundertelang hatte es im Burgund keinen unabhängigen Winzer gegeben — nur Leibeigene, die für Klöster oder Adelige arbeiteten. Jetzt konnten Bauern Weinberge besitzen. Das war die gute Nachricht.
Der Code Civil
Die schlechte folgte fünfzehn Jahre später. 1804 trat Napoleons Code Civil in Kraft. Artikel 745 bestimmte, dass alle Kinder zu gleichen Teilen erben. Das Erstgeburtsrecht, das die großen Güter Europas über Generationen zusammengehalten hatte, war abgeschafft.
Für eine normale Erbschaft ist gleiche Teilung gerecht. Für Weinberge im Burgund ist sie eine Zeitbombe.
Ein Winzer mit drei Kindern hinterlässt jedem Kind ein Drittel seines Weinbergs. In der nächsten Generation wird jedes Drittel nochmals geteilt. Nach vier Generationen gehört einem Nachkommen ein Einundachtzigstel des ursprünglichen Besitzes — sofern nicht ein Bruder den anderen auskauft, eine Schwester verzichtet oder die Geschwister gemeinsam wirtschaften.
Clos de Vougeot erzählt diese Geschichte in Zahlen. Ein einziger Weinberg, 50 Hektar, von den Zisterziensern als Ganzes bewirtschaftet. 1791 konfisziert und versteigert — zunächst an wenige Käufer. 1889 an fünfzehn burgundische Weinhändler verkauft. 1920 vierzig Besitzer. Heute über achtzig, verteilt auf hundert Parzellen. Der größte Einzelbesitzer, Château de la Tour, bewirtschaftet gerade fünfeinhalb Hektar. Viele Eigentümer besitzen nur wenige Rebzeilen.
Als ein einziger Weinberg ergab Clos de Vougeot Sinn: Trauben aus den oberen Kalklagen, aus der Mitte und vom schweren Boden unten am Hang wurden verschnitten, das Ergebnis war ausgewogen. Heute macht jeder Besitzer Wein aus seiner kleinen Parzelle. Die Qualität schwankt so stark, dass der Name Clos de Vougeot ohne den Namen des Erzeugers wenig aussagt.
Achtzig Winzer, achtzig Weine
Die Fragmentierung wäre weniger folgenreich, wenn Winzer sich einig wären, wie man Pinot Noir zu machen hat. Sind sie aber nicht. Ärzte und Juristen haben Standesregeln; Winzer haben Überzeugungen, und die gehen weit auseinander.
Es beginnt im Weinberg. Domaine de la Romanée-Conti arbeitet seit 2007 biodynamisch — Hornmist, Kräuterpräparate, Arbeit nach dem Mondkalender. Domaine Leflaive war noch früher, zertifiziert seit 1997. Domaine Leroy ist biologisch und biodynamisch, mit Erträgen so niedrig, dass andere Winzer erschrecken. In der Côte d'Or hielten 2001 etwa ein Prozent der Betriebe ein Bio-Zertifikat. Heute sind über vierzig Prozent der Rebfläche zertifiziert oder in Umstellung — die Zahl der Anträge stieg in zehn Jahren um 180 Prozent. Aber daneben wirtschaften konventionelle Betriebe, die mit synthetischen Pflanzenschutzmitteln und Herbiziden arbeiten, auf den Nachbarparzellen desselben Weinbergs.
Im Keller gehen die Wege weiter auseinander. Die erste Entscheidung fällt an der Entrappungsmaschine. Jeremy Seysses vom Domaine Dujac in Morey-Saint-Denis vergärt bis zu hundert Prozent mit ganzen Trauben — Stiele, Beeren, alles zusammen, wie sein Vater es tat. Die Stiele bringen Gerbstoff, Würze und Struktur, aber auch das Risiko grüner, krautiger Noten, wenn sie nicht vollständig verholzt sind. Die meisten Winzer entscheiden parzellenweise und jahrgangsweise: zwanzig Prozent ganze Trauben hier, fünfzig dort, in einem anderen Jahr vollständig entrappt. Manche kauen auf den Stielen, um zu prüfen, ob sie reif genug sind. Bei Domaine des Lambrays — seit 2014 im Besitz von LVMH — wird komplett entrappt und entbeert. Zwei Nachbarn in Morey, zwei Philosophien.
Die Gärung trennt die Geister weniger, als man vermuten könnte. Spontangärung mit wilden Hefen — kein Zusatz von Reinzuchthefe — ist an der Côte d'Or wenig verbreitet. DRC, Dujac, Leroy, Lafon, Coche-Dury: einige der bekanntesten und teuersten Namen arbeiten mit den Hefen, die auf den Trauben leben. Allerdings geben manche Winzer die Spontanvergärung nach außen vor, ohne sie konsequent zu praktizieren, während andere Reinzuchthefen verwenden, ohne es zuzugeben.
Dann der Ausbau, und hier beginnt ein eigenes Kapitel der Unterschiede. Im Burgund heißt das Standardfass Pièce — 228 Liter, etwas breiter und kürzer als die Bordelaiser Barrique mit 225 Litern. Die Eiche stammt aus den französischen Staatswäldern: Allier und sein Teilgebiet Tronçais liefern feinfaseriges, zurückhaltendes Holz; Nevers und Bertranges geben kräftigere, würzigere Noten; Vosges liegt dazwischen. Jeder Wald, jede Faserung, jeder Toastgrad — die kontrollierte Verkohlung der Fassinnenseite — verändert den Wein. Eine neue Pièce aus Tronçais-Eiche mit mittlerem Toast ergibt einen anderen Wein als eine neue Pièce aus Vosges mit starkem Toast, und beide unterscheiden sich grundlegend von einer bereits benutzten Pièce, die kaum noch Holzaromen abgibt.
In den 1990er Jahren galt ein hoher Anteil neuer Pièces als Qualitätsmerkmal — dreißig, vierzig, manchmal fünfzig Prozent. Heute hat sich die Haltung gedreht. Viele Domänes nutzen nur noch zehn bis zwanzig Prozent neue Fässer, manche gar keine. Andere greifen zu größeren Gebinden: Demi-Muids mit 500 Litern oder Foudres, große Holzfässer mit tausend Litern und mehr, in denen der Wein weniger Holzkontakt hat und langsamer reift. Jean-Marc Roulot in Meursault geht noch weiter — neben den traditionellen Pièces stehen in seinem Keller Glaskugeln, Tongefäße, Stahlfässer und österreichische Stockinger-Fässer.
Was Winzer vor zwanzig Jahren stolz als Investition in neue Fässer vorführten, beschreibt Jancis Robinson heute umgekehrt: Früher prahlten sie damit, wie neu und klein ihre Fässer sind; heute damit, wie alt und groß. Manche filtern, manche nicht. Manche schönen mit Eiweiß, manche füllen den Wein ungeschönt ab. Jede Entscheidung verändert den Wein.
Das Ergebnis: Im Clos de Vougeot — einem einzigen Grand Cru — stehen sich Parzellen gegenüber, auf denen der eine biologisch, der andere konventionell arbeitet; der eine mit ganzen Trauben vergärt, der andere entrappt; der eine in neuen Fässern ausbaut, der andere in alten. Achtzig Besitzer machen achtzig verschiedene Weine, die alle denselben Namen tragen. Der Klimawandel verstärkt die Unterschiede noch: die einen lesen früher, die anderen später; die einen entblättern, um die Trauben der Sonne auszusetzen, die anderen beschatten sie, weil die Sonne zu stark geworden ist.
Was die Zisterzienser über Jahrhunderte als einheitlichen Weinberg verstanden hatten — ein Terroir, ein Wein —, ist durch die Fragmentierung zu einem Mosaik aus Philosophien geworden. Der Name auf dem Etikett sagt, woher der Wein kommt. Wer ihn gemacht hat und wie, steht in kleiner Schrift darunter. Im Burgund liest man die kleine Schrift zuerst.
Die Falle
Das napoleonische Erbrecht gilt bis heute. Und es hat eine Eigenschaft, die 1804 niemand voraussehen konnte: Es wird mit steigenden Grundstückswerten zur Falle.
Frankreichs Erbschaftssteuer gehört zu den höchsten der Welt. Vermögen über 1,7 Millionen Euro werden mit 40 Prozent besteuert. Für einen Hektar Premier Cru mit Chardonnay an der Côte de Beaune, der 2024 im Durchschnitt 2,55 Millionen Euro kostete, bedeutet das eine Steuerlast von über einer Million Euro — bei einem Ertrag, der vielleicht 50.000 bis 100.000 Euro im Jahr einbringt. Eric Rousseau vom Domaine Armand Rousseau in Gevrey-Chambertin erinnerte sich, dass nach dem Zweiten Weltkrieg eine einzige Ernte genügte, um die Erbschaftssteuer auf einen Hektar Grand Cru Charmes-Chambertin zu bezahlen. Heute braucht man dafür zehn Jahre, was ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Burgunder so teuer sind.
Die Kinder eines verstorbenen Winzers haben also drei Möglichkeiten: Sie wirtschaften gemeinsam weiter und zahlen die Steuer über Jahre ab. Sie kaufen einander aus — einer übernimmt, die anderen verzichten gegen Geld, das sie oft nicht haben. Oder sie verkaufen: Das Ende ihrer Familiengeschichte.
Im September 2024 wurde sichtbar, wohin das führt. Die Familie Poisot in Aloxe-Corton, seit Generationen Winzer, verkaufte 1,3 Hektar Grand-Cru-Weinberge an den Luxuskonzern LVMH. Der Preis: 15,5 Millionen Euro. Darunter ein halber Hektar Romanée-Saint-Vivant, ein halber Hektar Corton-Charlemagne, 0,3 Hektar Corton Bressandes. Rémi Poisot, die vierte Generation, sagte dazu nur: «Die Erbschaftssteuern sind so hoch. Wir sind keine Millionäre, wir mussten eine Lösung finden.» Die Familie bewirtschaftet die Weinberge weiter — als Pächter auf dem Land, das ihr gehörte.
Die Poisots sind kein Einzelfall. 2005 starb Philippe Engel in Vosne-Romanée mit 49 Jahren, unverheiratet, ohne Erben. Sein Weingut — sechs Hektar, darunter einige der besten Lagen der Côte de Nuits — wurde für 13 Millionen Euro an François Pinault verkauft, den Eigentümer von Château Latour, Christie's und Gucci. Das Domaine Engel heißt seitdem Domaine d'Eugénie.
Etienne Grivot vom Domaine Jean Grivot in Vosne fasste es zusammen: «Es gibt immer weniger echte Familiendomänen. Ich glaube, es wird mehr Fälle wie Domaine Engel geben.» Eric Rousseau ging weiter: «Wenn sich nichts ändert, werden alle großen Terroirs im Burgund Konzernen gehören, und die kleinen Erzeuger können sich nur noch die weniger guten Lagen leisten.»
Eine späte Korrektur
Anfang 2025, ausgelöst durch den Aufschrei nach dem LVMH-Kauf, hob die französische Regierung die Steuerfreigrenze für landwirtschaftliche Erbschaften von 500.000 auf 20 Millionen Euro an — eine Vervierzigfachung. Thiébault Huber, Präsident der burgundischen Winzervereinigung CAVB, hatte jahrelang dafür gekämpft. «Ich habe es nicht geglaubt», sagte er. «Wir haben Familien gesehen, die sich wegen Erbschaftsfragen zerstritten haben.»
Ob die Reform reicht, ist offen. Der Hektarpreis an der Côte d'Or stieg 2024 zum 28. Mal in Folge und überschritt erstmals die Millionengrenze. Der Code Civil mit seiner gleichen Erbteilung gilt weiter. Und Konzerne wie LVMH werden weiter kaufen.
Was die Revolution den Familien gegeben hat — eigenes Land, zum ersten Mal seit Jahrhunderten —, nimmt ihnen das napoleonische Erbrecht Stück für Stück wieder ab. Nicht an Klöster, nicht an Adelige. An Luxuskonzerne. Die Weinberge wechseln die Besitzer, aber die Winzer bleiben, was sie waren: Pächter.