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WEINRAUM Wein aus gutem Grund
Lexikon

Aminosäuren im Wein

Wichtige Aminosäuren und ihre Rolle im Wein

Schwarze Johannisbeeren auf einem Holzbrett
Aminosäuren im Wein entstehen in den Beeren und sind wichtige Stoffe bei der Gärung und für die Bildung von Aroma im Wein.

Aminosäuren sind organische Verbindungen mit einer Aminogruppe (–NH₂) und einer Carboxylgruppe (–COOH). Sie sind die Bausteine der Proteine, treten im Wein aber überwiegend in freier Form auf — als gelöste Einzelmoleküle, daneben in Peptiden und Resten hydrolysierter Hefeproteine. Ihre Konzentrationen liegen, je nach Rebsorte, Lesezeitpunkt und Vinifikation, im Bereich von einigen hundert Milligramm bis über zwei Gramm pro Liter. Sie sind weinchemisch unscheinbar und sensorisch indirekt — und gleichzeitig die Stellschraube, an der Gärverlauf, Aromabildung und ein Teil der Mundfülle hängen.



Herkunft: Beere, Gärung, biologischer Säureabbau



Der größte Teil der Aminosäuren stammt aus der Beere selbst. Während der Reife steigt der Gehalt an Stickstoffverbindungen im Most; warme Jahre, gut versorgte Böden und volle physiologische Reife ergeben höhere Werte als kühle, gestresste oder früh gelesene Trauben. Im Most wird der hefeverwertbare Stickstoff als YAN bezeichnet (yeast assimilable nitrogen): die Summe aus Ammonium und freien α-Aminosäuren ohne Prolin. Prolin zählt nicht dazu, weil Hefen es unter den anaeroben Bedingungen der Gärung nicht abbauen können — der dafür nötige Schritt ist sauerstoffabhängig.



Während der Gärung verschiebt sich das Aminosäurenprofil deutlich. Die Hefen nehmen bevorzugt Arginin, Glutamin, Asparagin und Alanin auf und nutzen sie für Zellaufbau und Stoffwechsel. Am Ende der Gärung sind diese weitgehend verbraucht, während Prolin nahezu unverändert im Wein verbleibt und dort zur dominanten Aminosäure wird. Beim Hefeabbau nach der Gärung — bei Ausbau auf der Feinhefe — werden zellinterne Aminosäuren und Peptide durch Autolyse wieder freigesetzt; das verändert Textur und Aromatik des Weins, erkennbar etwa an der typischen Hefenote länger gelagerter Champagner.



Der biologische Säureabbau greift in dieses Gleichgewicht ein, ohne die Aminosäuremenge in nennenswertem Umfang neu zu bilden. Milchsäurebakterien, vor allem Oenococcus oeni, verbrauchen Arginin als Energiequelle und können dabei über den Arginin-Deiminase-Weg Citrullin und Harnstoff freisetzen — Vorstufen des unerwünschten Ethylcarbamats. Gleichzeitig hydrolysieren Bakterienenzyme Peptide und setzen daraus freie Aminosäuren frei, was die sensorische Komplexität nach der malolaktischen Gärung mit erklärt.



Wichtige Aminosäuren und ihre Rolle



Prolin ist die mengenmäßig häufigste Aminosäure im fertigen Wein, gerade in Rotweinen aus warmen Lagen. Sensorisch gilt sie als weitgehend neutral, ihr hoher Gehalt ist eher Marker für Reife und Stilistik als für Geschmack.



Arginin ist die wichtigste Stickstoffquelle für die Hefe und wird während der Gärung weitgehend verstoffwechselt. Sein Schicksal hat eine kritische Nebenseite: Aus dem Arginin-Stoffwechsel kann Harnstoff in den Wein gelangen, der mit Ethanol langsam zu Ethylcarbamat reagiert — einer toxikologisch bedenklichen Verbindung. Die Reaktion verläuft über Wochen und Monate, beschleunigt durch Wärme. Praktische Konsequenz: Stickstoffversorgung der Gärung gezielt steuern statt überdosieren, Argininüberschüsse vermeiden, malolaktische Gärung kontrolliert führen.



Glutaminsäure und ihr Salz Glutamat tragen zum Umami-Eindruck bei, der vor allem nach Hefelagerung deutlicher wird. Sie sind einer der Gründe, warum auf der Feinhefe ausgebaute Weine — etwa Champagner, Muscadet sur lie oder lange ausgebaute weiße Burgunder — eine andere Mundfülle zeigen als früh abgezogene Weine derselben Herkunft.



Cystein und das Tripeptid Glutathion sind im Wein selbst sensorisch unauffällig, aber zentrale Vorläufer der flüchtigen Thiole. Aromen wie Buchsbaum, Passionsfrucht oder Grapefruit im Sauvignon Blanc oder dunkle, rauchige Noten in Viognier und Sauvignon Blanc entstehen daraus erst während der Gärung: Die Hefe spaltet die schwefelhaltige Seitenkette ab und setzt Verbindungen wie 3-Mercaptohexanol (3MH) und 4-Methyl-4-mercaptopentan-2-on (4MMP) frei. Cystein bindet im Wein keine Schwefelverbindungen — es liefert sie.



Wirkung auf Gärung, Aroma und Mundgefühl



Aminosäuren bestimmen, wie zügig und wie vollständig die Gärung verläuft. Zu niedrige YAN-Werte — typisch in heißen, trockenen Jahren oder auf erschöpften Böden — führen zu schleppenden, oft stockenden Gärungen und zur Bildung unerwünschter Schwefelverbindungen wie H₂S. Zu hohe Stickstoffgaben fördern dagegen Restzucker, biogene Amine und das Risiko erhöhter Ethylcarbamat-Werte.



Der Einfluss aufs Aroma läuft über zwei Wege. Indirekt liefern Aminosäuren die Stickstoffbasis, ohne die die Hefe weder säure-regulierende Enzyme noch Aromastoffe in normaler Menge bildet. Direkt sind sie Vorläufer: Aus Leucin, Isoleucin, Valin und Phenylalanin entstehen über den Ehrlich-Weg höhere Alkohole und ihre Acetatester — die fruchtigen Banane- und Birne-Töne junger Weißweine. Aus den schwefelhaltigen Aminosäuren entstehen, je nach Hefestamm und Gärbedingungen, einerseits die genannten Thiole, andererseits Fehltöne wie Mercaptan oder Schwefelwasserstoff.



Sensorisch tragen Aminosäuren zur wahrgenommenen Fülle bei, ohne selbst stark zu schmecken. Glutamat, freie Aminosäuren aus der Hefeautolyse und Peptide aus dem Hefeabbau wirken zusammen mit Polysacchariden auf Textur und Länge im Mund — am deutlichsten in lange auf der Hefe gereiften Weißweinen und reifen Schaumweinen.



Steuerung im Weinberg und im Keller



Der Aminosäuregehalt entsteht zuerst im Weinberg: über Stickstoffversorgung des Bodens, Wasserhaushalt, Begrünung, Lesezeitpunkt und Erntezustand. Im Keller liegt der Hebel bei der gezielten Stickstoffergänzung — typischerweise mit Diammoniumphosphat (DAP) oder organischen Hefenährstoffen — vor und während der Gärung, idealerweise gestützt auf eine YAN-Messung im Most. Hefestamm und Temperaturführung bestimmen, welche Aminosäuren wie effizient verwertet werden und welche Aromavorläufer freigesetzt werden. Beim Ausbau entscheidet die Dauer auf der Feinhefe darüber, in welchem Umfang Aminosäuren und Peptide aus autolysierten Hefezellen wieder in den Wein zurückkehren.



Aminosäuren sind damit weniger ein eigenes sensorisches Merkmal als die stille Voraussetzung dafür, dass Gärung, Aromabildung und Reife in der gewünschten Richtung verlaufen.



Weine aus oder mit der Rebsorte Sauvignon, die im Text genannt wurden und Aromen der Aminosäuren enthalten